Am 13. April 2020, Ostermontag, startet das Paneuropäische Kunstprojekt MASKS mit einer ersten Reihe simultaner Internetauftritte – zunächst in Deutschland, Italien, Frankreich, Schottland und Griechenland. Im Zentrum der Vernetzung von Kreativen aus den Bereichen Malerei, Grafik, Fotografie, Musik und Literatur steht das Bild der Maske in den Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie.
Jedes einzelne künstlerische Genre hat bereits frühzeitig und gründlich bewiesen, daß Kunst in besonderer Weise dazu geeignet ist, unser Verhältnis zur nichtmenschlichen Materie zu erforschen. Beispielsweise setzte der Renaissance Komponist Orlando di Lasso in einigen seiner A Cappella-Stücke Tiere in den Mittelpunkt der musikalischen Darbietung. Unter satirischen, politischen und moralischen Aspekten hat er sie als dem Menschen gleichrangige Wesen dargestellt. Legendär ist die Beschreibung der Besteigung des provenzalischen Mont Ventoux im April 1336, mit dem Francesco Petrarca erstmals das menschliche Naturerlebnis in den Mittelpunkt eines literarischen Werkes stellte. In der Malerei hob Giorgione zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Landschaft aus ihrer traditionellen Nebenrolle des Hintergrundmotivs. In seinem Bild „Das Gewitter“ steht sie als unverzichtbarer Bestandteil der psychologischen Bildaussage in enger Beziehung zu den dargestellten menschlichen Figuren. Mit dem Aufkommen der Pleinair-Malerei wurde die Landschaft später zum expliziten Thema gehoben – ein Blickpunkt, der insbesondere von den europäischen Künstlerkolonien übernommen wurde, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden.
Gerade in der Zeit der Corona-Krise benötigen wir eine Kunst, die die Verschränkung der Organismen ausdeutet. Eine Kunst auch, die den menschlichen Egozentrismus als eitle Selbsttäuschung entlarvt. Denn immernoch und wieder laufen wir Menschen Gefahr, zu vergessen, daß die Umwelt nicht allein von uns geformt wird, sondern auch von anderen Organismen. Unsere Körper sind keine geschlossenen Systeme, abgegrenzt von unserer Umgebung, sondern offenporig. Die Durchmischung nichtmenschlicher, menschlicher, synthetischer und natürlicher Materie ist eine Realität.

MASKS demonstriert Solidarität.
Auch Kunstschaffende bewegen sich in dieser Realität, als Einwohner von Dörfern, Städten, Ländern, die von der Krankheit covid 19 heimgesucht werden. Nachbarn, Bekannte, Mitbürger*innen infizieren sich, erkranken und finden den Tod. Aus der Mitte dieser Gesellschaften heraus dokumentieren sie mit Arbeiten, die sich auf die Pandemie beziehen, ihre Solidarität. Wir alle sind verbunden mit den von der Krankheit betroffenen Menschen, mit den Infizierten, den Erkrankten und ihren Helfern, die für uns alle an den Rand ihrer Belastbarkeit gehen. Zum Schutz der anderen Menschen, aus Liebe für andere und somit auch für uns selbst haben wir uns angewöhnt, Schutzmasken zu tragen. Wir tragen damit Sorge für das, was uns lieb und teuer ist: unsere Gesundheit und die der anderen. Wer in diesen Zeiten aus Liebe zu sich und anderen weniger Gesicht zeigt, der zeigt in diesem Moment "mehr Gesicht" und fürsorgliche Verbundenheit. Die Bedeutung der Maske in der Pandemie erschöpft sich nicht in gesundheitstechnischen Aspekten. Deshalb zeigt MASKS Menschen, die Masken tragen.

MASKS hinterfagt das Bild der Maske.
Die Schreckensbilder, die Covid 19 auslöst, drohen aber die Bedeutung der Maske auf den Schutzaspekt zu reduzieren. Eine medizinische Schutzmaske kann vor Ansteckung schützen, sie ist dadurch lebenswichtig geworden. Ob bald alle Menschen in Europa ihr Gesicht bedecken sollen, ist unklar, genauso wie die Frage, inwieweit filterlose Mund-Nase-Masken vor Tröpfcheninfektion schützen. Sie lassen Viren hinein, aber weniger heraus. Viele Menschen fassen sich täglich unbemerkt ins Gesicht. Die Maske hilft, sich daran zu erinnern, das nicht zu tun. Über die Gewalt der Pandemie gerät das breite Bedeutungsspektrum der Maske jedoch aus dem Blick. Eine Maske ist weit mehr als nur ein Instrument, das uns und andere schützt, hinter dem wir uns verstecken können. Nicht alle Masken der menschlichen Kulturgeschichte verweisen auf Krankenhaus und Atemnot. Die Maske fungiert seit Menschengedenken als rituelles Mittel, religiöses statement oder Verkleidung, und rückt die Träger der Maskierung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Masken wurden über die lange Geschichte der Menschheit hinweg in rituellen Tänzen eingesetzt, um Geister abzuschrecken oder Schutzgottheiten anzubeten. Seit der Antike sind Totenmasken bekannt. Die im antiken griechischen Theater benutzten Masken stellen Gefühlszustände dar. Die Masken der Commedia dell’arte erschlossen dem Publikum Möglichkeiten der sozialen Interpretation. Diese Beispiele zeigen, daß Masken einen Gesichtsausdruck sichtbar, erkennbar machen. Maskenträger*innen werden gesehen, erkannt.

MASKS beweist, dass wir leben und uns weiterhin mit der Krise auseinandersetzen.
Kunst ist auch ein Akt des sozialen Engagements. Die unsichtbaren Viren haben uns mit ihrer ganzen Materialität okkupiert. Sie führen uns die Fragilität der von Menschen erdachten Ordnung deutlich vor Augen. masks ermutigt dazu, sich aktiv mit den Ängsten und Traumata auseinanderzusetzen, die mittlerweile viele Menschen plagen. Auch in den Zeiten der Krise geht das Leben weiter. Künstler*innen schaffen ein Zeugnis dieser schwierigen Monate. Sie bieten Beispiele materialisierter Antworten in Wort, Bild, Ton und Imagination. Die Kunstwerke, die MASKS zeigt, sind wie Briefe, Postkarten, Visitenkarten, aus der Isolation an die Außenwelt geschickt.

MASKS ist eine europäische Initiative.
Die soziale Isolation verhindert eine direkte Zusammenarbeit, unabhängig davon, wie nahe oder weit entfernt wir voneinander wohnen und arbeiten. Es spielt keine Rolle mehr, ob man im gleichen Ort lebt, oder in einem anderen Land. Von den Einschränkungen sind heute alle Menschen in dieser Welt gleich betroffen. Über das Kunstprojekt MASKS können Künstler*innen zeigen, daß sie trotzdem miteinander in Verbindung stehen, sich gegenseitig beistehen und zusammenarbeiten – auch, wenn sie sich physisch nicht begegnen dürfen. Die Verbindung unter den Künstler*innen setzt sich über alle Landesgrenzen hinweg, die mittlerweile weitestgehend verschlossen wurden. Die Initiative MASKS repräsentiert die Europäische Idee indem sie sich für ein größeres kulturelles Verständnis und eine stärkere Kooperation im europäischen Kontext einsetzt.

MASKS bietet die Möglichkeit, auch ohne live-Ausstellungen ein Publikum zu finden.
Ohne Publikum lassen sich Kunst und die mit ihr verknüpften Dienstleistungen nicht verkaufen. Die Ausgangsbeschränkungen haben Ateliers in Eremitagen verwandelt, geplante Ausstellungen wurden abgesagt. Künstler*innen aber brauchen ein Publikum, um überleben zu können. Vernetzungen und der Versuch, Kunstprojekte gemeinsam an die Öffentlichkeit bringen, steigern die Chance, ein Publikum zu erreichen. Beispiel MASKS: die virtuelle Ausstellung wird gleichzeitig auf mehreren Internetauftritten gezeigt, die aus mehreren europäischen Ländern kommen. Einen Einstieg in diese Vernetzung bieten die Websites des Murnauer Malers Gerd Lepic und des französischen Lichtbildners Eric Schaftlein. Im Rahmen des Kunstprojekts masks zeigen sie Fotografien, auf denen sich die teilnehmenden Künstler*innen mit ihren persönlichen Masken zeigen. Den Bildern sind Kontaktdaten beigefügt, die auf die Internetauftritte der jeweiligen Künstler*innen verweisen.

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